Was ist Salafismus ?

Immer wieder wird gefragt, was Salafisten seien und immer wieder wird auch behauptet, dass dieser Begriff eine Erfindung der Medien sei um Muslime zu diskriminieren.
Dass dem nicht so ist,  sondern der Begriff historisch belegt ist, zeigt der folgende Text.


Die Salafiyya – eine kritische Betrachtung

Salafiyya ist kein neues Phänomen des Islams. Schon im neunten Jahrhundert formulierte Ahmad Ibn Hanbal die zentrale Forderung der Salafiyya: Der Koran sei wörtlich und uninterpretiert zu verstehen, im Zweifel so, wie ihn die Altvorderen (Salaf) verstanden haben.

Bereits damals also trat  Ahmad Ibn Hanbal mit der Forderung auf, die reine Textgläubigkeit zur religiösen Vorgabe zu machen. Dort, wo die Texte nicht offensichtlich genug sind, sollen sie nach dem Verständnis der Salaf/Altvorderen ausgelegt werden. Ibn Hanbals Einstellung war Ausdruck einer tiefen Abneigung gegen Philosophie, Logik und Verstand. So argumentierte er: „Ich bin keine Person der Diskussion/Philosophie und Kalam/Theologie. Ich bin nur eine Person der Überlieferungen und Berichte.“[1] Damit wollte er sich in aller Deutlichkeit von der Mu’tazila distanzieren. Dabei handelt es sich um diejenigen Muslime, die Verstand und Vernunft als Grundlage für den Umgang mit der göttlichen Offenbarung nutzten und den Islam lange Zeit prägten. Die Salafiyya wirft der Mu’tazila vor, sie würde dem Verstand Vorrang gegenüber der Tradition geben.

Anhänger der Salafiyya sind Muslime, die für sich in Anspruch nehmen, den Weg ins Paradies zu kennen. Allen anderen Muslimen, die den Lehren der Salafiyya nicht folgen, erkennen sie das Muslimsein ab. Diese dualistische Weltanschauung prägt ihr Denken und Verhalten in allen Lebenslagen. Die Grundlage ihres Glaubens ist neben dem Koran die Wegweisung des Propheten Mohammed, wie sie in der Sunna/Prophetentradition überliefert ist. Die unveränderliche Befolgung der Tradition und ihre ständige Nachahmung ist ihre zentrale Forderung. Daher bezeichnen sie sich auch als ahl al-hadith/Anhänger der Prophetenaussagen oder ahl-al-salaf/Anhänger der Altvorderen. Sie betonen damit, dass sie stets die Handlungen, Aussagen, ja die gesamte Epoche des Propheten Mohammed in die Gegenwart projizieren und in der Praxis ausleben. Sie sind überzeugt, dass nur durch die Nachahmung des Verhaltens Mohammeds und seiner Gefährten in allen Lebensumständen die religiösen Gebote des Korans eingehalten werden können. Dabei gilt die Vermischung von göttlichen Anweisungen und menschlichen Gedanken als Sünde. Somit ist alles, was nicht in der Sunna des Propheten verankert ist, als eine verbotene Innovation/ bid´a zu betrachten. Die Salafiyya fordert die wörtliche Auslegung des Korans, jegliche allegorische Deutung ist für sie ein Missbrauch. Vertreter anderer Glaubensauffassungen innerhalb des Islams, die dies tun, gelten damit als Ungläubige, die mittels des Jihads bekämpft werden müssen.

In der Praxis reduziert die Salafiyya die Lehren des Islams auf das äußere Erscheinungsbild der Gläubigen. Aussehen, Kleiderordnung und Verhaltensvorschriften werden vorgegeben und als zentrale Merkmale eines Muslims deklariert. Wer diese Vorschriften nicht im Detail umsetzt, wird der Apostasie (Abfall vom Glauben) bezichtigt. Auch hierin unterscheidet sich die Salafiyya selbst vom orthodoxen sunnitischen Islam diametral. Diese Diskrepanz kann man u.a. damit erklären, dass viele Vertreter der Salafiyya im Unterschied zur traditionellen religiösen Geistlichkeit (‚ulama‘) nicht über eine fundierte religiöse Ausbildung verfügen. Es sind vielmehr theologische Laien und Freizeitprediger.

Die Salafiyya hat sich zum Ziel gesetzt, den Ur-Islam und seine damaligen Kulturzustände wiederherzustellen. Sie lehnt es ab, die Aussagen der Scharia fortzuentwickeln und wollen den Islam von allen Zusätzen und Erweiterungen reinigen. Dabei sind sie theologisch betrachtet selbst eine Neuerung, eine Anmaßung, die weder im Koran noch in der Prophetentradition Erwähnung findet.

Die Salafiyya ist das islamische Projekt der Politisierung des Sakralen. In vielen islamischen Staaten ist sie eine aufsteigende politische Kraft, eine Gegenelite, die für sich beansprucht, eine Gesellschaft göttlichen Willens zu etablieren. Dabei handelt es sich bei der Salafiyya nicht um eine lokalisierbare Organisation. Vielmehr ist sie eine weltumspannende Geisteshaltung, eine Idee, die von losen netzwerkartigen Strukturen und flachen Hierarchien geprägt wird.

Das Konzept regelt das Verhältnis der Menschen untereinander und macht Vorschriften für alle Dinge des Alltags. Es definiert die Beziehung der Gläubigen zu den Ungläubigen sowohl im Staat als auch nach außen und liefert die Rahmenbedingungen für die Gestaltung der Herrschaft. Hierin sind zwei zentrale Charakteristika salafistischer Bewegungen wiederzufinden, die in allen Organisationen vertreten werden: die universalistisch-totalitäre Eigenschaft bestimmt erstens alle Bereiche der Gesellschaft und bedeutet auch die Aufhebung der Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Und zweitens die Ablehnung des Nationalstaats als Ordnungseinheit innerhalb des internationalen Systems zu Gunsten des Umma-Begriffes, der keine nationalstaatlichen Grenzen anerkennt und den Staatsbürgerbegriff negiert. Nach ihrer islamischen Überzeugung verbindet das Zugehörigkeitsgefühl zur khair Umma/besten Gemeinschaft (Koran 3/110) alle Muslime. Daraus leitet die Salafiyya ab, dass alles Handeln und Streben eines Muslims sich zu jeder Zeit am Wohl des Islams orientieren muss, denn alle Vorschriften für das individuelle Verhalten sind als Pflichten gegenüber Gott zu verstehen. Damit steht die islamische Offenbarung uneingeschränkt im Mittelpunkt des Interesses und das Individuum hat sich dem Gemeinwohl unterzuordnen. Die Salafiyya erhebt für ihr Islamverständnis einen Universalitätsanspruch.


Die ausführliche Beschreibung findet Ihr hier bpb_logo_rgb

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