„Im Namen der Ehre“ oder „Nicht Euer Eigentum !“

„Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.“

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), deutscher Philosoph


Im Namen der Ehre, einer sehr zweifelhaften Ehre, sterben jeden Tag Menschen. Und nicht einmal, wenn es vor unserer Haustür geschieht, ist man bereit, diese „Ehre“ und ihren Ursprung wirklich zu hinterfragen. Menschen werden verfolgt, gequält und gemordet –  im Namen der „Ehre“. Doch sind sie begraben, geht man zur Tagesordnung über ohne sich damit auseinanderzusetzen, was der wirkliche Ursprung der Tat ist und was in Zukunft zu tun ist.

Gedanken gemacht hat sie Sigrid Hermann- Marschall in unserem Gastbeitrag


Nicht Euer Eigentum!

Über zwei tote junge Frauen

Eigentlich wollte ich nichts zu den Ehrenmorden dieser Woche schreiben. Es ist dazu schon vieles in den Medien gesagt worden und letztendlich ist bei allen sich verdichtenden Hinweisen das Urteil noch nicht gesprochen. Ich tue es jetzt aber doch, weil ich einige Aspekte erwähnt sehen möchte in der Debatte und auch, weil die ganze Brutalität und die Art dieses Denkens so widerwärtig archaisch und so radikal-egozentrisch ist.

Einmal hat ein junger Mann die Mutter seines Kindes und das Kind selber aus seinem Weg geschafft, einmal hat ein Mann, ein Vater, sein eigenes Kind getötet, weil es sich nicht ihm unterwarf.

„Der Ex-Freund wollte das gemeinsame Kind nicht“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, zum Motiv der mutmaßlichen Täter. Die Ermittler schließen nicht aus, dass es bei dem Mord darum ging, die Ehre der Familie rein zu halten.“

http://www.ksta.de/…/mord-in-berlin-koepenick-polizei-pruef…

„Der Vater ist dringend verdächtig, seine Tochter erwürgt zu haben. Nach der Tat soll er Fotos des Opfers gemacht haben, um sie in Afghanistan der Familie des von ihm vorgesehenen Ehemannes zu zeigen. “

http://www.faz.net/…/getoetete-frau-in-darmstadt-ehrenmord-…

Zu klar scheint es, dass ein bizarres Ehrgefühl als Tatmotiv zentral ist. Eines Ehrgefühls, das nicht hinterfragbar ist und Ehre an die gelebte oder nicht gelebte Sexualität bindet. Beide junge Menschen, der spätere Täter im ersten Fall und das junge Mädchen im zweiten Fall, das Opfer wurde, versuchten wohl, den Konflikt mit ihren Eltern noch in der Weise zu regeln, dass der Wunschpartner sogar geheiratet werden sollte. Im ersten Fall war das Mädchen, mit dem der Sohn dem Anschein nach schon seinen Impulsen nachgegangen war, den Eltern als Ehepartnerin nicht gut genug, obwohl sie sogar konvertiert war. Das Ausleben der Sexualität hatten sie entweder nicht mitbekommen oder es – beim Sohn! – als vermeintlich folgenlose Betätigung ignoriert. Beim zweiten Fall versuchte das Mädchen wohl den Eltern beizubringen, dass sie nicht mit einem ihr wahrscheinlich fremden Mann aus Afghanistan verheiratet zu werden wünscht. In beiden Fällen entschied die Familie, dass das Kind, der junge Erwachsene sich zu unterwerfen habe. Dieser Konflikt zwischen individueller Entscheidung und Clanvorstellung, zwischen Selbst- und Fremdbestimmung führte in die Tragödie. Zwei Männer, die Täter (die Mittäter einmal außen vor gelassen), setzten im Ergebnis die Fremdbestimmung über sich selbst über das Lebensrecht anderer Menschen, von Frauen, die sie zu lieben vorgaben.

Wenn die eigene Ehre über der Liebe, über auch dem Lebensrecht einer anderen Person steht, dann ist diese Ehre nichts wert. Dann haben Menschen, die hier leben, nicht verstanden, dass ihre „Ehre“ dort endet, wo die Rechte anderer Menschen beginnen. Sie begreifen Frauen als ihren Besitz, sehen sich als Herren über Leben und Tod anderer Menschen. Theoretisch hätten beide Männer, wenn sie denn ihre „Ehre“ herabgesetzt sahen, wenn sie denn meinten, sich nicht beugen zu können und es doch mussten, wenn sie denn meinten, diese ominöse „Ehre“ stünde über dem Leben, auch die Wahl gehabt, wenn sie denn meinten, man könne mit der „Schande“ nicht leben, Selbstmord zu begehen. Dies wurde offenkundig nicht in Betracht gezogen. Als „Ausweg“ wurde ein Weg gewählt, der die Familie in den Augen der Täter reinwusch,

Männer und Frauen, die so denken, gibt es aus verschiedenen Herkunftszusammenhängen und nicht nur Frauen, wenn auch vornehmlich, werden Opfer. Zum Teil werden Frauen sogar dann schon (weiteres) Opfer, wenn sie vergewaltigt wurden, also in jedem modernen Sinne selber unschuldig sind an der „Schande“. Ehrenmorde dieser Art gibt es in Gesellschaften, deren Mitglieder Clanrechte über Indvidualrechte setzen und die „Ehre“ an Sexualität knüpfen, Es gibt sie vor allem von Personen islamischer, aber auch hinduistischer, yezidischer, selten noch christlicher Religion. Von Atheisten sind solche Handlungen unbekannt. Nicht Familiendramen, in denen – meist ein Mann – sich persönlich in auswegloser Situation wähnt und dann die Tat als erweiterten Suizid begeht, sondern Fälle, in denen der Täter meist überlebt. Oft sogar mit dem Gefühl, doch „nur“ recht durchgesetzt zu haben, oft sogar als weiterhin geschätztes Mitglied seines Clans. Es ist mir kein Fall bekannt, in dem ein „Ehrenmörder“ selber von der Familie in gleicher Weise gerichtet wurde. Im Gegenteil sind Fälle bekannt, in denen die für die Tat benannten Söhne, Mörder, noch vor der weltlichen Gerichtsbarkeit hiesiger Art in Schutz genommen wurde. Sogar von Müttern, deren Tochter vom eigenen Sohn getötet wurde.

Es wird aktuell häufig betont, solche Morde hätten nichts mit dem Islam zu tun, sei vorislamisch. In gewisser Weise stimmt das, denn die Vorgehensweise ist nicht explizit geregelt in solchen Fällen. Wenn Täter yezidischer Herkunft Töchter oder Schwestern morden, wird auch betont, dies habe nichts mit dem Yesidentum zu tun. Auch das mag stimmen. Das gleiche gilt in (hier) verminderter Weise für die anderen Religionen. Es mag nicht aus den Religionen ableitbar sein, aber es hat trotz aller Bekundung doch auch mit Religion zu tun. Nämlich in der Weise, dass Religion Aussagen macht über die Wertigkeit anderer Menschen. Religionen vermitteln i.d.R. keine Gleichwertigkeit aller Menschen. Das ist ein modernes Konzept. Die Abwertung anderer Menschen wurde mit allen Religionen als kompatibel er- und gelebt. Wenn Religionen nicht in der Lage sind, über 70 Generationen (am Beispiel Islam) eine Lösung von vor- und angeblich unislamischen Haltungen zu bewerkstelligen, dann sind sie als ethische Hilfe in dieser Hinsicht ohne Wert. Dann wird es nur behauptet, sie leiteten zu modernen Vorstellungen hin oder wiesen sie gerade im Kern auf. Die Werte der Aufklärung wurden hier auch gegen das Christentum erstritten, das sich diese Werte nun sehr gerne zu eigen macht. Das ist geschichtsvergessen, aber ein gangbarer Weg, um die Kompatibilität mit den Menschenrechten herzustellen. das Christentum hat auch mehrere Ansätze, die einen solchen Weg erleichtern (auch gegen die Kirche).

Generell wurde und wird in den Religionen jedoch konserviert, dass Frauen geringere Rechte haben, es wird eine patriarchale Sicht auf Frauen als Objekt konserviert. Es gab eine solche Sicht auf Frauen auch z.B. beim „pater familias“ im Römischen Reich. Der Hausherr war Herr über Leben und Tod. Mit dem Römischen Reich ging dort auch diese Sicht weitgehend unter, aber in ländlichen Bereichen z.B. Siziliens mag sie noch lange eine Rolle gespielt haben.

Das Heraustreten der Frau als eigenständige Person, mit eigenen Rechten aus dem Objektstatus gelöst, ist eine moderne Entwicklung, erstritten gegen Religion. Manche Region ist da weiter als die andere. Menschen, die aus anderen Regionen dieser Welt hierher kommen, kommen nicht als leeres Blatt ins Land. Sie kommen mit ihrem kulturellen Gepäck. Das ist nicht notwendiger Weise kompatibel mit modernen Vorstellungen.

Menschen, die hierher kommen, ist noch klarer zu vermitteln, dass hier das Individualrecht gilt. Dass Töchter und Söhne kein Eigentum sind. Nicht hier. An der Landesgrenze beginnt eine Region, in der Eltern ihre Kinder lieben und beschützen dürfen. Sie dürfen ihnen einen Teil ihrer Geschichte vermitteln, ihnen zeigen, wo sie herkommen und wo sie hingehen KÖNNEN. Sie dürfen ihnen auch ihre eigene Religion vermitteln, aber sie dürfen sie nicht unter sie zwingen. Es beginnt ein Teil der Welt, in der sich diese Töchter und Söhne frei entscheiden können, wohin sie gehen, welcher Religion sie angehören möchten und wen sie lieben dürfen. Hier endet Elternrecht am Kindeswohl und an der freien Entscheidung dieses Kindes als Erwachsener. Wenn sie ihren Söhnen vermitteln, ihre „Ehre“ hänge an ihrer eigen Sexualität, mehr noch aber an der Sexualität ihrer Schwestern oder Töchter, dann muss diesen Eltern klar gemacht werden, dass das Konzepte sind, die hier missbilligt werden.

Das ist ein Teil ihres Gepäcks, von dem sie sich trennen müssen, wenn sie hier leben wollen und auch nicht wollen, dass Söhne Täter werden und Frauen Opfer. Sie müssen Heiratsschranken aufmachen, müssen den Partner in ihrer Familie willkommen heißen, so gut es geht, den dieses Kind sich aussucht. Und sie müssen sich von einem archaischen Ehrenkodex trennen, der andere Menschen bevormundet, sie kontrolliert und manchmal auch töten lässt oder Opfer werden.

Nur wenn Eltern das begreifen und wir als Gesellschaft das von ihnen auch einfordern und nicht in kulturrelativistischer Weise wegschauen, wird es solche Tragödien hier weniger geben. Auf eine sichtbar und erkennbar gewordenen Tragödie kommen hundert Fälle, in denen sich das Kind doch noch beugte, ins Ausland verheiratet wurde oder anders unter den Willen der Familie gezwungen wurde. Fälle, in denen diese Frauen nicht reden, nicht reden können, wenn sie nicht alles verlieren wollen.

Wenn wir es ernst meinen mit universellen Menschenrechten, mit Frauenrechten, ist das unser aller Aufgabe. Wir müssen solchen Haltungen entgegentreten, auch wenn dies unbequem ist. Vor allem aber müssen wir darüber reden. Und wir dürfen uns nicht mit Schönfärbereien wie der reinen Sprachkosmetik „Gleichwertigkeit“ blenden lassen: Gleiche Rechte von Frauen sind nicht verhandelbar.

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Dokumentierte Ehrenmorde

 

Menschen sind kein Eigentum. Auch Kinder nicht.

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