Polonaise mit Scheuklappen (Gastbeitrag von Sigrid Herrmann-Marschall)

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Wie sich Medienschaffende von der Gülen-Sekte einbinden lassen


Die Gülen-Bewegung stammt aus der Türkei und geht auf den Prediger Fethullah Gülen zurück. Gülen lässt wechselnde Statements verbreiten, die auch nach Nützlichkeit wechseln, mal angeblich demokratiefreundlich und egalitär, mal – zur Bewegung hin – streng sich auf den Koran berufend. Nach außen hin tritt die Bewegung bildungsorientiert und im Eigenmarketing apolitisch auf. Dass dies jedoch ein bewußt hervorgerufener Fehleindruck ist, dass sehr gezielt die politische Einflussnahme gesucht wird, zeigt sich nicht nur beim Blick in die Türkei. Der Gründer paktiert seit Jahrzehnten mit wechselnden türkischen Machthabern und regt seine Anhänger an, sie sollten unauffällig den Marsch durch die Institutionen antreten. In der Türkei haben sie das bereits und sind zu einem Machtfaktor geworden. Nach dem Zerwürfnis mit Erdogan in 2013, mit dem man lange gemeinsame Sache machte, ist Deutschland mit der hohen Zahl potentieller und auch realer Anhänger ein, wenn nicht der wichtigste Brückenkopf Gülens geworden.
Das liegt nicht nur an den strategisch verteilten Nachhilfeinstituten und Schulen, die oft unter Verdeckung des Gülen-Bezugs arbeiten, und der Einbindung fehlgeleiteter, weil fehlinformierter Politiker. Auch die World Media Group AG, der Medienkonzern der Gülen-Sekte, hat mit vielen in der Bewegung zentralen Figuren in Vorstand und Aufsichtsrat, seinen Sitz in Deutschland, genauer Offenbach. Der Medienkonzern veranstaltet seit 2012 jährlich eine „Journalismus-Akademie“, so auch aktuell.
Auch hier wird wieder eine Doppelstrategie gefahren. Zum einen geht es um den Nachwuchs, um die frühestmögliche Beeinflussung potentieller Multiplikatoren. Zum anderen geht es aber und dies ist das wichtigere Ziel, darum, unter dem Vorwand der Nachwuchsförderung möglichst viele hochrangige Medienvertreter als Testimonials zu gewinnen. Anders ist es nicht zu erklären, dass bei wechselnden Interessenten, die das Programm nur einmal mitmachen, man ständig neue „Dozenten“ sucht oder einkauft.
Schreibt man diese „Dozenten“ an und klärt sie über den Gülen-Bezug auf, so ergibt sich ein befremdliches Bild: Ein Teil weiß dies bereits, ist aber völlig auf das Eigenmarketing der Gruppierung fixiert und hinterfragt auch nicht, hält sich selber aber für überaus kritisch und nicht hintergehbar. Kritisch in der Theorie und unkritisch in der Praxis? Für manche geht das offenkundig zusammen.
Ein weiterer Teil bekommt Geld für das Engagement und reagiert schon gereizt auf die Nachfrage. Wohl Medienschaffende, die es besonders nötig haben. Es ist nicht ehrenrührig, in den heutigen Zeiten als freischaffender Medienmensch knapp bei Kasse zu sein; aber das Brot von manchen Auftraggebern ist dann doch nicht so bekömmlich auf lange Sicht.
Noch andere, in öffentlicher Funktion, begründen ihr Kommen damit, dass schon viele andere gekommen seien, dass dies ein übliches Verfahren sei und der Verfassungsschutz schließlich noch nicht das Verbot angeregt habe. Jedes dieser drei Argumente bietet Sprengstoff für sich. In der ganz, ganz schlechten alten Zeit nannte man Personen, die taten, was sie taten, weil andere es auch taten ohne eigene moralisch-ethische Wertung des Tuns an sich, Mitläufer. Man scheut sich nicht, Polonaise mit Scheuklappen zu spielen. Ein „übliches Verfahren“ einhalten, wenn es um eine Gruppierung geht, die z.B. gleiche Frauenrechte im Grunde nicht anerkennt? Das erscheint doch höchst unüblich und hinterlässt die Frage, warum z.B. die Gleichstellungsbeauftragten, die es in jeder der betroffenen Organisationen sicher gibt und die auf das Jota genau die Einhaltung z.B. von eher unwichtigen Sprachregelungen beäugen, hier nicht aktiv werden. Ganz verwegen ist der Verweis auf den Verfassungsschutz. Ist man nicht in der Lage, sich selber ein Urteil zu bilden? Mit dieser Begründung hätte man – eingeladen – auch an den Grillfesten von Dawaffm teilnehmen können, denn auch bei dieser Gruppierung gab es eine Zeit vor der Beobachtung, vor dem Verbot.
Bei jedem der Betreffenden wäre eine Eigenabsage völlig ohne Folgen geblieben jenseits dessen, dass man nicht hinging. Was treibt Menschen dazu, anzunehmen, sie könnten sich kein eigenes Urteil bilden? Diese Haltung lässt schwerste Zweifel an der allgemeinen Urteilsfähigkeit dieser Medienschaffenden zu, gibt es doch genügend aufklärende Berichte, z.T. sogar aus dem eigenen Haus. „Lesen hilft“, möchte man da ausrufen.
Etliche der Personen, die diese Veranstaltungsreihe mit gestalten, die ihren bislang guten Namen und den ihrer Institution dafür hergeben, wurden angeschrieben. Abgesprungen ist keiner. Sie werden irgendwann damit umgehen müssen, dass sie wider die Möglichkeit besseren Wissens, besseren Handelns mitgemacht haben bei einer äußerst fragwürdigen Marketingveranstaltung. Das aber wird dann ihr Problem sein.

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