Türkische Lage weiterhin problematisch

Weil die Situation in der Türkei auch Deutschland betrifft, denn immerhin leben in unserem Land rund 3 Millionen türkischstämmiger Menschen von denen nicht wenige Erdogan die Stange halten und seine Politik befürworten, hier ein Gastbeitrag von J.P. Fuß zur aktuellen Lage


„Die Lage in der Türkei ist äußerst fatal. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Dekade, kann nicht über die grundlegenden Probleme dieses Volkes hinwegtäuschen. Die traditionell sehr ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung in der Türkei hat sich massiv verschärft.

– Das seit jeher niedrige Bildungsniveau der überwiegenden Bevölkerungsteile konnte bisher nur partiell angehoben werden und ist immer noch in erster Linie eine Frage des Geldes.

– Die traditionell patriarchalischen Verhaltensmuster mit einer massiven Überbewertung der Männer, sowie familiärer und verwandtschaftlicher Netzwerke bedeutet für einen Großteil der Menschen lebenslange Abhängigkeiten.

– Unterstützt werden diese Verhaltensmuster durch eine Religion, die sich bisher kaum aus den Fesseln ihrer mehr als 1.000 Jahre alten Denkmuster hat lösen können (auch wenn es einige wenige reformbereite Denker geben mag).

– Last but not least: eine politische Vergangenheit, in der Demokratie, intellektuelle Auseinandersetzung mit Problemen und Gegnern sowie die Suche von tragfähigen Kompromissen im Grunde fehlen bis heute.

TÜRKISCHE ALTERNATIVEN: TEUFEL, BELZEBUB ODER DÄMONEN

So stellt sich dem Beobachter, der die Lage in der Türkei mit der notwendigen Distanz betrachtet, grob strukturiert als ein Dreieck dar, das durch drei Macht-/Interessen-Blöcke gebildet wird:

– Eine Seite dieses Dreiecks bildet der islamreligiös-nationalistische und machtgierige Premierminister Recep Tayyip Erdoğan mit „seiner AKP“. Mittlerweile wird deutlich, dass für ihn Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit aber auch freies Unternehmertum nur tolerierbar sind, wenn sie seine Pläne nicht stören.

– Massiven Widerstand erfährt Erdoğan seit mindestens zwei Jahren von einer nicht weniger islamreligiös-nationalistischen Gruppierung, die sich aus dem weltweit agierenden Netzwerk des türkischen Predigers Fethullah Gülen rekrutiert und die zweite Seite des Dreiecks bildet. Bemerkenswert ist aber, dass Gülen selber seit 1999 sein Netzwerk aus einem sicheren Exil in den USA steuert, wobei er nicht müde wird, diese massive Einflussnahme regelmäßig zu dementieren. Wie weit deren Demokratieverständnis reicht, bleibt abzuwarten. Es sollte aber nicht überraschen, wenn bei den „Gülenisten“ (so die Bezeichnung für die mehr als eine Million Anhänger Gülens) Demokratie da aufhören wird, wo sie nicht im Einklang mit dem Koran steht.

– Trotz der gerade in der letzten Zeit offen ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gruppen darf nicht übersehen werden, dass es auch weiterhin einen dritten Machtblock gibt. Die türkischen Traditionalisten, die sich auf den Gründer der Republik Kemal Mustafa Atatürk und seine Prinzipien berufen und langer Zeit vom türkischen Militär massiv gestützt wurden. Auch hier ist offen, wo Demokratie nach dem Verständnis der Kemalisten enden wird. In der Vergangenheit war klar, Demokratie muss dort aufhören, wo die Prinzipien Atatürks gefährdet sein könnten.“

Anlalyse von J.P. Fuß

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